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Zeitzeugen-Bericht

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Zeitzeugen-Bericht

Die folgenden Zeilen sind ein von mir redaktionell überarbeiteter Bericht meines Onkels Kurt Schwarz über seinen letzten Tag im Königsberger Vorort Metgethen und über die Kämpfe im westlichen Samland im Frühjahr 1945. Kurt war damals 16 Jahre alt und ist in Metgethen aufgewachsen.

Mein letzter Tag in Königsberg-Metgethen

Metgethen war ein Vorort von Königsberg, westlich der Innenstadt am Rande der Kaporner Heide gelegen, einem Waldgebiet, das sich nach Westen weit in das Samland erstreckt und von den Ufern des Frischen Haffes und der Eisenbahnlinie Königsberg - Pillau begrenzt wird. Metgethen war sehr schön gelegen: die Häuser der Villenkolonie waren in Wald eingebettet, nördlich der Eisenbahnlinie lag die Gartenstadt. Hinzu kamen das Gut mit seinen Wirtschaftsgebäuden, wie Ziegelei und Sägewerk sowie vielen Fischteichen, einem Park und dem Schloss. Wer von uns, insbesondere aus dem Trankwitzer Weg, erinnert sich nicht an die wunderschönen Kastanien, welche unsere Straße säumten, an die Badevergnügen an lauen Sommerabenden im Röderteich, an das Schlittschuhlaufen im Winter auf dem Buddlerteich und auf den überschwemmten und überfrorenen Wiesen oder an das Rodeln auf dem Eichenberg. Bewohnt wurde der Ort von etwa 9.000 Einwohnern, die sich aus den verschiedensten sozialen Schichten zusammensetzten. Wegen der schönen Lage des Ortes hatten sich hier Industrielle, obere Staatsbeamte, pensionierte Offiziere, Pädagogen, Zollbeamte und weitere Personen des Mittelstandes angesiedelt. Die meisten Bewohner waren wohl mit den damaligen politischen Verhältnissen einverstanden, wenn nicht sogar aktive Nationalsozialisten, denn in meiner Erinnerung taucht eine Reihe von Einwohnern in braunen oder schwarzen Uniformen auf. Am Eichenberg war eine Siedlung für verdienstvolle SA-Mitglieder errichtet worden. Die Feuerwehrschule war 1938 nach der "Reichskristallnacht" zu einem Konzentrationslager für in Königsberg und dem Umland verhaftete jüdische Mitbürger geworden. Ich habe noch im Gedächtnis, wie auf dem Franz-Seldte-Weg Bürger jüdischen Glaubens gezwungen wurden, mit Kleider- und Zahnbürsten den Bürgersteig und Stämme der Bäume zu reinigen. Sie wurden von Feuerwehrleuten bewacht und angetrieben, die mit Karabinern bewaffnet waren. Im Verlauf der Kriegsjahre entwickelte sich die Feuerwehrschule unter dem Befehl des "Feuerwehrgenerals Fiedler" zum Hauptquartier einer vom Gauleiter Erich Koch geschaffenen Privatarmee, welche in den besetzten Ostgebieten ihr Unwesen trieb. Im Ortsteil der ehemaligen Rieselfelder bestanden große Zwangsarbeitslager, deren Insassen in der Munitionsfabrik, den Ostlandwerken und den Feuerwehrwerkstätten Zwangsarbeit für den faschistischen Krieg leisten mussten. In den Haushalten waren zahlreiche sogenannte Fremdarbeiterinnen als Dienstmädchen tätig. Jedoch nicht alle Einwohner von Metgethen huldigten dem NS-Regime. Diese Minderheit konnte bei Gefahr für Leib und Leben nicht offen agieren. Deshalb ist mir von einem nennenswerten antifaschistischen Widerstand nichts bekannt. Ich erinnere mich aber, dass es trotz des bestehenden Verbotes Unterstützung für die im Ort eingesetzten Fremdarbeiter gegeben hat.

Es war der 28. Januar 1945, ein schicksalhafter Tag, an dem eine für uns ungewisse Zukunft ihren Anfang nehmen sollte. Wolkenloser Himmel, strahlender Sonnenschein. Die Landschaft vermummt in eine alles einhüllende hohe Schneedecke. Dazu mit einem auch für ostpreußische Verhältnisse kräftigen Frost von minus 20 Grad und darunter. In den Tagen davor hatte es starken Schneefall mit heftigen Schneestürmen gegeben. Schon seit Tagen drangen die sowjetischen Truppen in Ostpreußen vor. Flüchtlinge zogen durch unseren Ort, um den Hafen Pillau zu erreichen. Die Wohnungen in unserem Haus waren mit diesen Flüchtlingen ständig belegt, die eine kurze Ruhepause einlegten, um sich von den Strapazen der bisherigen Flucht zu erholen. Ich selbst war am 12. Januar, mit einem entsprechenden Dienstauftrag versehen, in Gumbinnen aufgebrochen, wo ich als Soldat einer schweren Flakbatterie an Erdkämpfen teilgenommen hatte, um in meinen Heimatort zu gelangen. Hatten sich in den Tagen zuvor die Kämpfe östlich Königsbergs vollzogen, so hatten sie sich mit dem 28. Januar nördlich und nordwestlich der Innenstadt in den Raum Tannenwalde - Goldschmiede und des Flugplatzes Prowehren verlagert. Damit verliefen jetzt die Kampfhandlungen etwa 3 - 5 km von Metgethen entfernt. Schon in der Nacht vor dem 28. Januar und an diesem Tag war die Straße von Trankwitz nach Metgethen (Trankwitzer Weg) Rückzugsstraße für das zurückflutende deutsche Militär, welches versuchte, durch den Ort Metgethen die Fernverkehrsstraße Königsberg - Pillau zu erreichen, um so der drohenden Einkesselung zu entgehen. Deshalb war diese Straße auch das Ziel von sowjetischen Tieffliegern und von sowjetischem Artilleriefeuer. An diesem 28. Januar war die Luft erfüllt mit Kampfeslärm. Man hörte Artilleriefeuer leichterer und schwerer Kaliber, MG, Maschinenpistolen und Karabiner, alles verschmolz zu einer einzigen Geräuschkulisse. Der Himmel wurde von unzähligen gepanzerten Schlachtflugzeugen des Typs IL 2 beherrscht, die wie Hornissenschwärme am Himmel hin- und herpendelnd, aufsteigend und niederstoßend, mit ihren Bordwaffen und Raketen aktiv in die Erdkämpfe eingriffen. In den frühen Nachmittagstunden brach der Rückzugsstrom plötzlich ab, was zur Folge hatte, dass auch die Beschießung und die Tieffliegerangriffe ihr Ende fanden. Es trat eine relative Ruhe ein. Nur die Front bei Prowehren war mal stärker und mal schwächer zu vernehmen.

Einzelne Bewohner unserer Wohngegend wagten nun zaghafte Erkundungen in Richtung Gut Metgethen. Ich gesellte mich zu ihnen. Wir gingen bis zur Schmiede Kecker, welche sich auf der Höhe des Schlosses Metgethen befand, in welchem eine höhere Dienststelle der Gestapoleitzentrale Ostpreußens schon seit Jahren untergebracht war. Als wir diese Dienststelle geräumt vorfanden und auch kein deutsches Militär im Vorfeld von Trankwitz erspähen konnten, machten wir kehrt und gingen den Trankwitzer Weg zurück, immer befürchtend, dass uns sowjetische Soldaten überraschen könnten.

Nach 17 Uhr merkte man, dass die Kämpfe um den Flugplatz Prowehren im Abflauen waren. Auf einmal kamen aus Richtung Trankwitz schwere Militärfahrzeuge über den Trankwitzer Weg gefahren. Zwei blieben vor unserem Haus Nr. 2 stehen und einige Soldaten betraten unsere Wohnung, um eine kurze Ruhepause einzulegen und Erkundungen über eine reibungslose Weiterfahrt einzuholen. Zu meiner großen Verblüffung erkannte ich meinen Batteriechef, den Hauptwachtmeister der Einheit und einige Kanoniere meiner Flakbatterie, die den ganzen Tag an den Kämpfen um den Flugplatz Prowehren teilgenommen hatten und sich nun als letzte Einheit auf dem Rückzug befanden. Ich wurde wieder in den Mannschaftsbestand der Einheit eingegliedert. Unser Truppenteil war ausgerüstet mit schweren Henschel-Zugmaschinen für die 8,8-cm-Flakgeschütze und mit geländegängigen Fahrzeugen für die leichten 2-cm-Flugabwehrgeschütze. Wir fuhren den Trankwitzer Weg entlang in Richtung auf den Bahnübergang. Wir bogen dann nach rechts in den Franz-Seldte-Weg ein und folgten ihm bis zur Ecke Postweg. Vor dem Hause des Kaufmannes Waggishauser trafen wir auf den Hauptteil meiner Batterie, welcher hier Wartestellung bezogen hatte. Der Batterieführer legte für den weiteren Marsch die Route Postweg - Seeweg - Hindenburgweg - Schlageterweg fest, um über Landkeim und Seerappen den weiteren Abmarsch in das westliche Samland durchzuführen. Nachdem wir diese Straßen der Gartenstadt passiert hatten, erfuhren wir, dass ein Weiterkommen auf der vorgesehenen Strecke nicht mehr möglich war, weil sich bereits russische Panzerverbände im Raume Wargen befanden und nach Süden einschwenkend Seerappen und damit unseren weiteren Marschweg bedrohten. Nun hieß es zurück und eine andere Möglichkeit suchen. In dieser Situation befahl mich mein Batterieführer zu sich und erteilte mir den Befehl - auf meine Ortskenntnis bauend -, ihm eine Marschroute zu nennen, das befohlene Marschziel, die Kreisstadt Fischhausen, zu erreichen. Ein Wenden der schweren Fahrzeuge war mit den daran befindlichen Geschützen in dem verhältnismäßig engen Schlageterweg nicht möglich. Da ich wusste, dass parallel zum Schlageterweg der Horst-Wessel-Weg verlief, ließ ich die Fahrzeuge links einbiegend aus dem Schlageterweg in Kolonne herausfahren, um dann wieder links einschwenkend in den Horst-Wessel-Weg einzufahren. Das Wendemanöver klappte ohne Schwierigkeiten und wir setzten unseren Marsch wie nachstehend beschrieben fort: Horst-Wessel-Weg, Hindenburgweg, Seeweg, Franz-Seldte-Weg, Jägerweg, Forstweg (an der Feuerwehrschule vorbei), um dann bei der Gaststätte Stoll, dem "Wurzelkrug", rechts einbiegend auf die Fernverkehrsstraße Königsberg - Pillau zu gelangen. Dieses war ein Vorhaben, welches ziemlich schwierig zu bewerkstelligen war, denn diese Straße war von Militärkolonnen und zivilen Flüchtlingstrecks stark befahren. Aber es gelang doch, sich mit dem gesamten Verband als geschlossene Formation in diesen unermesslichen Fahrzeug- und Menschenstrom hineinzuzwängen. Mit dem Abschwenken auf diese Straße endete mein letzter Tag in Metgethen. Wir waren wohl die letzte reguläre Wehrmachtseinheit, die Metgethen verlassen hat.

Etwa ab 20 Uhr begann die Besetzung des Ortes Metgethen durch sowjetische Soldaten. Die Einnahme begann vom Gut Metgethen, den Trankwitzer Weg entlang und sich fächerförmig in den Ort weiter vorschiebend.

Kampf um das westliche Samland

Große Sorge bereitete uns auf unserem weiteren Marsch, dass wir bei Zwischenfällen mit unseren schweren Fahrzeugen die Straße nicht verlassen konnten, weil links und rechts der Straße sich der hohe Baumbestand der Kaporner Heide unseren Fahrzeugen als eine unüberwindliche Mauer entgegenstellte. Straßengräben zum Ausweichen standen auch nicht mehr zur Verfügung, weil alles mit liegengebliebenen Militär- und Flüchtlingsfahrzeugen sowie allen möglichen fortgeworfenen Dingen, wie Hausrat, Kinderwagen und anderen Gebrauchsgegenständen vollgestopft war. Auch Menschen, ob Erwachsene oder Kinder, welche die Strapazen der Flucht nicht mehr durchgestanden hatten, lagen haufenweise in den Straßengräben, um zugedeckt von heranwehenden Schneemassen hier ihre vorläufige Ruhe zu finden. In meiner Erinnerung ist diese Straße zu einer Schicksalsstraße für die ostpreußische Bevölkerung geworden, die viel Not, Elend, Verzweiflung, Blut und Tränen gesehen hat, auf der sich unbeschreibliche Dramen abgespielt haben, die man wohl nicht in Worte fassen kann, um sie in ihrer ganzen Bedeutung wiedergeben zu können.

Wir waren bis auf die Höhe des "Vierbrüderkruges" gekommen, als sich vorne in diesem endlosen flüchtenden Menschenstrom große Unruhe, ja Zeichen von Panik bemerkbar machten und das langsame, aber rastlose Vorwärtsdrängen plötzlich zum Erliegen kam. Wie ein Lauffeuer ging es durch die Kolonne, dass russische Panzer von Seerappen kommend unsere Straße erreicht haben sollten und somit der weitere Weg nach Pillau abgeschnitten sei. Wie durch eine weise Fügung waren wir mit unseren Spitzenfahrzeugen an einem Waldweg stehen geblieben, der links von der Straße wegführend in Richtung Seekanal und Frisches Haff verlief. Weil durch die starken Fröste der in normalen Zeiten recht sumpfige Boden für unsere schweren Fahrzeuge einen tragbaren Untergrund bildete, wählten wir diesen Weg, um unseren Marsch am Ufer des Seekanals in westlicher Richtung fortzusetzen und uns somit einer drohenden Einschließung zu entziehen. Über Zimmerbude gelangten wir nach Fischhausen. Am Ortseingang dieser Kreisstadt bezogen wir in einem Altersheim Quartier. Frost und ungehindert einfallender Wind während der Fahrt am Seekanal führten bei mir zu Erfrierungen des linken Fußes und der linken Hand. Kaum hatten wir Fischhausen erreicht, tauchten sowjetische gepanzerte Schlachtflugzeuge vom Typ IL 2 auf, um den Bahnhof und die Straßen der Stadt mit ihren Bordwaffen und Raketen unter Beschuss zu nehmen. Die Luftangriffe waren an diesem Tage aber nur von kurzer Dauer, weil sich der Himmel mit Schneewolken verhüllte und Schneesturm einsetzte.

Von Königsberg bewegte sich ein schier unversiegbarer Flüchtlingsstrom in die Stadt Fischhausen. Die Flüchtlinge kamen alle zu Fuß, gezeichnet von den Strapazen des Marsches und der unerbittlichen Kälte, ohne jegliches Gepäck. Mütter schleppten Kinder an ihren Händen nur mühsam weiter. Es waren Flüchtlinge, die - wie wir - in der Nacht von russischen Panzern auf der Straße Königsberg - Fischhausen - Pillau unmittelbar bedroht worden waren. Sie hatten sich aller noch mitgeführter Habseligkeiten entledigt, um nur das nackte Leben zu retten. Im Wettlauf mit den nachrückenden sowjetischen Truppen bestand ihr Bestreben darin, Fischhausen und den für sie rettenden Hafen Pillau zu erreichen, in der Hoffnung, ihre Flucht von dort aus erfolgreich fortsetzen zu können.

Wir bekamen den Befehl, uns in eine das westliche Samland schützende Hauptkampflinie einzuordnen. Meine Batterie bezog in der Nähe der Eisenbahnlinie Fischhausen - Palmnicken Stellung. Als Mannschaftsquartier dienten uns Siedlungshäuser, welche sich am Stadtrand von Fischhausen befanden und von ihren Bewohnern verlassen worden waren. Wir waren in dieser Siedlung nicht die einzige Einquartierung. Alle Häuser waren mit Soldaten der verschiedensten Verbände und Truppenteile, aber auch mit Flüchtlingen belegt. Jeder Quadratmeter umbauter Wohnfläche oder sonstiger Behausung war mit Menschen vollgestopft, denn auf den wenigen Quadratkilometern Landfläche des westlichen Samlandes drängten sich unüberschaubare Menschenmassen, Wehrmacht und Flüchtlinge, zusammen, deren einzige Hoffnung darin bestand, dass die Frontlinie solange halten möge, bis ein Abtransport über den Hafen Pillau oder ein Fußmarsch über die Frische Nehrung möglich sein würde.

Unsere Geschütze wurden in aller Eile in Stellung gebracht. Unglücklicherweise auf einer kleinen Anhöhe, um von dort besseres Schussfeld zu erhalten, denn Flakgeschütze eignen sich zum Erdkampf nur dann, wenn sie in direktem Richten zum Schuss kommen können. Diese kleine Anhöhe befand sich jedoch vollkommen in freiem Gelände. Kein Wald im Hintergrund, der uns etwas der gegnerischen Einsicht hätte entziehen können. Besonders beim scheidenden Tageslicht hob sich unsere Silhouette gut erkennbar vom Himmel ab. Die Folgen dieses Standortes bekamen wir auch sehr unangenehm zu spüren. Tieffliegerangriffe und Artillerieüberfälle auf unsere Stellung waren unser täglicher Begleiter. Wir bauten uns mühselig Schutzwälle, um uns bei Beschuss notdürftige Deckung zu verschaffen. Da der tief gefrorene Boden das Eingraben nicht zuließ, verwendeten wir Dung aus den umliegenden Stallungen. Mannschaftsverluste blieben nicht aus. In der Nähe der Stadtrandsiedlung wurde ein Massengrab mit Sprengstoff in den steinhart gefrorenen Boden gesprengt. Gemeinsam mit gefallenen Kameraden anderer Einheiten wurden unsere Toten dort zur letzten Ruhe gebettet, wobei Wehrmachtsgeistliche beider Konfessionen ihnen ihren letzten Segen erteilten.

Wir wehrten vorstoßende Panzer und Infanterie ab und störten mit unseren leichten Flakgeschützen die Angriffe der ständig anfliegenden sowjetischen Schlachtflugzeuge. Gleichzeitig mussten wir uns der Artillerieüberfälle und der Tieffliegerangriffe erwehren. Es waren Angriffe, die uns schwer zu schaffen machten. Die schweren Flakgeschütze kamen in dieser Stellung nur bei gegnerischen Panzervorstößen zum Einsatz. Für die Luftabwehr konnten sie nicht eingesetzt werden, da sie für den Erdkampf umgerüstet waren und deshalb die Feuerleiteinrichtungen zum Bekämpfen von hochfliegenden Flugzeugen fehlten. Unsere Aufgabe bestand darin, der vor uns liegenden Infanterie artilleristische Unterstützung zu geben und Panzerangriffe in direktem Beschuss abzuwehren. Unsere leichten 2-cm-Vierlingsflakgeschütze hatten in dieser Stellung bei den ständigen Tieffliegerangriffen jedoch sehr viel zu tun. Da ich zur Bedienung einer derartigen Waffe gehörte, war ich mehr am Geschütz als in einer Deckung oder Unterkunft.

Vor dem Hafen Pillau endeten auch die Flüchtlingstrecks, welche mit Pferdegespannen diesen Raum erreicht hatten. Hunderte, ja Tausende von Pferden wurden ausgespannt und durchstreiften herrenlos die weiten Fluren, wobei sie sich immer in Rudel zusammengeschlossen hatten, so als ob sie sich gegenseitig vor der ihnen wohl auch bewussten Gefahr schützen wollten. Ein solches Rudel von mehreren hundert Pferden befand sich auch eines Abends in unmittelbarer Nähe unserer Feuerstellung, als plötzlich ein ziemlich starker Artillerieüberfall uns eindeckte. Gerade auf Geschützwache gezogen, bekam auch ich diesen Segen voll ab. Nachdem der Feuerüberfall vorbei war, bestand die erste Aufgabe darin, zu überprüfen, ob er in unseren Reihen zu Verlusten geführt hatte. Doch dieses Mal hatten wir Glück. Nachdem sich das Gehör vom Getöse der einschlagenden Raketen Katjuscha erholt hatte, drangen Laute zu mir, welche durch Mark und Bein gingen. Die Raketensalven hatten ein Rudel Pferde in unserer Nähe getroffen. Viele Pferde waren niedergestreckt worden. Aber eine Anzahl von ihnen hatten die schwersten Verwundungen davongetragen und litten unter unsagbaren Schmerzen. Ich habe nie in meinem Leben vorher Pferde im Todeskampf schreien gehört. Grauenvolle Schreie, die sich nicht beschreiben lassen. Ich verließ meine Deckung, lud den Karabiner durch und habe die Pferde eines nach dem anderen erschossen. Erst am Morgen des nächsten Tages habe ich festgestellt, dass ich sechzehn Pferde erschossen hatte.

In den Abendstunden des 18. Februar hieß es plötzlich für die leichten 2-cm-Vierlingsflakgeschütze "Fertigmachen zum Abmarsch!". Wir fuhren mit unseren Fahrzeugen in der Nähe des Bahnhofs Fischhausen auf die Fernverkehrsstraße Königsberg - Pillau. Aber wir schwenkten nicht nach rechts in Richtung Pillau, sondern nach links in Richtung Königsberg ab. Uns wurde klar, dass wir näher an die zwischen Königsberg und Fischhausen von Nord nach Süd durch das Samland verlaufende Hauptkampflinie herangeführt werden sollten. Wir waren nicht die einzige Einheit, welche sich in dieser Richtung auf dem Marsch befand. Es handelte sich um eine für damalige Verhältnisse noch erhebliche Streitmacht, wenn sie auch recht bunt zusammengewürfelt war. Hinter Fischhausen schwenkten wir an einer Straßengabelung nach Nordosten ein in Richtung Powangen - Galtgarben. Nach kurzer Fahrt Halt und der Befehl, einen Bereitstellungsraum zu beziehen. Hier wurden wir mit der Order vertraut gemacht, uns in den Morgenstunden des 19. Februar an einem Angriff zum Entsatz der Festung Königsberg zu beteiligen. Wir wurden in groben Umrissen darüber informiert, dass der Angriff in den frühen Morgenstunden zu beginnen habe und dass die Truppen der Samlandfront gleichzeitig mit den Truppen der Festung Königsberg den Angriff eröffnen würden. Wir sollten in Richtung auf den Galtgarben vorstoßen. Von der Verkündung dieses Befehls bis zum Beginn des Angriffs verging nur kurze Zeit. Die Einleitung des Angriffs erfolgte mit einem starken Artillerieschlag, welcher auch von Schiffen der Kriegsmarine unterstützt wurde, die im Seekanal zwischen Pillau - Peyse - Zimmerbude Position bezogen hatten. Gleichzeitig gingen Bodentruppen zum Angriff auf die sowjetischen Stellungen vor. Unterstützung wurde durch Panzer, Artillerie und Sturmgeschütze gegeben. Auch wir beteiligten uns an diesen Angriffsbewegungen, wobei unsere Geschütze immer wieder von den Fahrzeugen abgekoppelt und in Stellung gebracht werden mussten. Nach Feuerstößen auf gegnerische Widerstandsnester mussten sie zum Stellungswechsel wieder an die Fahrzeuge gekoppelt werden. In unserer Nachbarschaft befand sich eine Einheit der Kriegsmarine. Die Offiziere und Matrosen waren nur mit leichten Infanteriewaffen ausgerüstet und hatten als eigene "schwere Waffen" Panzerfäuste. Gemeinsam mit dieser Einheit gingen wir gegen die sowjetischen Stellungen vor. Für mich war diese Attacke etwas Ungewöhnliches. Bisher kannte ich nur den Rückzug und das Bekämpfen von Flugzeugen, aber nicht den Angriff und noch dazu in diesem Ausmaß. Schon bald bemerkten wir, dass die sowjetischen Einheiten erbitterten Widerstand leisteten. Der Angriff kam nicht zügig voran und drohte, am ersten Stellungssystem zu erliegen. In dieser kritischen Situation ging die Marineeinheit vor und warf den Gegner mit ihren Panzerfäusten aus der Stellung. Wir verfolgten die Gegner, um ihnen keine Möglichkeit zur Organisierung einer Gegenwehr zu geben. Alles vollzog sich rasend schnell. Nachdem wir die erste Ortschaft eingenommen hatten und dort ein Bild des Entsetzens fanden, wurde unser weiterer Angriff überaus erbittert geführt. Mir ist nicht bekannt, dass an diesem Tage Gefangene eingebracht wurden. Es gelang jedoch nicht, den das Gelände beherrschenden Galtgarben zurückzugewinnen. Wir wurden zur Flankensicherung der inzwischen erfolgreich geschaffenen Landverbindung von Königsberg nach Pillau eingesetzt. Diese Verbindung ermöglichte den verbliebenen Königsbergern und den Flüchtlingen für wenige Wochen den Zugang zum Hafen Pillau. In den von uns bezogenen und ausgebauten Stellungen galt es, die ständigen Angriffe der sowjetischen Truppen abzuwehren. Im Bereich Metgethen war die Landverbindung sehr schmal. Die neue Frontlinie verlief entlang des Landgrabens, etwa 1,5 - 2 km nördlich des Gutes Metgethen, wobei Trankwitz von sowjetischen Verbänden besetzt blieb. Es drangen Nachrichten von den Schreckenstaten der Roten Armee in Metgethen bis in unsere Stellung. Nun, wir hatten in anderen Orten genug gesehen und so zweifelten wir auch nicht an den Meldungen.

In der von uns gehaltenen Stellung verblieben wir bis zum 27. oder 28. Februar. Wir räumten unsere Stellung ohne unsere Vierlingsflakgeschütze. Wir marschierten per Fuß über Fischhausen nach Pillau. Mit uns strebten unzählige Flüchtlinge dem rettenden Ziel Hafen Pillau zu. Man merkte, welchen Strapazen die Menschen ausgesetzt gewesen waren und mit welch panischer Angst sie dieser Stadt zuströmten. Nachdem wir Fischhausen passiert hatten, verdichteten sich die Menschenmassen immer mehr. Bei den Badeorten Sorgenau und Neuhäuser pressten sich diese Elendszüge auf der einzigen nach Pillau führenden Straße derart zusammen, dass es kaum ein Vorwärtskommen gab. Alle Fahrzeuge mussten in den Dünen zurückgelassen werden, denn Pillau konnte nur im Fußmarsch erreicht werden. In Pillau bot sich ein unbeschreibliches Bild. Die Menschen standen auf den Straßen und auf den Plätzen Kopf an Kopf und drängten in Richtung der Anlegeplätze der Schiffe oder zur Übersetzstelle von Pillau nach Pillau-Neutief zum weiteren Fußmarsch über die Frische Nehrung in Richtung Westen. Wenn Schiffe anlegten, setzte ein Ansturm auf sie ein, denn jeder wollte an Bord. Dabei wurden viele Menschen in die Hafenbecken gestoßen. Die Hafenbecken waren angefüllt mit Leichen, welche dicht an dicht in der Dünung des Hafenwassers ihren letzten grauenvollen Reigen tanzten. Meine Batterie wurde im Kartoffelbunker der Kaserne Pillau-Camstigall untergebracht. Diese Unterkunft war voll belegt mit Flüchtlingen, Soldaten und Verwundeten. Jeder Quadratzentimeter war hier ausgenutzt. In den Morgenstunden des 3. März brachen wir auf, um endgültig Ostpreußen zu verlassen. Unser Weg führte uns durch das Stadtgebiet von Pillau zur Nordmole der Hafeneinfahrt. Auf dem Strand rechter Hand wurden Soldaten und wehrfähige Männer wegen Fahnenflucht Opfer einer Massenerschießung. Mit diesen letzten grauenvollen Bildern vor Augen bestiegen wir ein an der Nordmole festgemachtes Fahrzeug der Kriegsmarine, um Punkt 9:00 Uhr abzulegen und auf die Fahrt über die Ostsee in Richtung Danzig-Gdingen zu gehen.