
Benno bei den "Prußen"
Die prußischen Stämme gehörten von Herkunft, Sprache und Kultur den baltischen Völkern an und waren deshalb mit den Litauern und Letten verwandt. Über die Herkunft der heutigen europäischen Bevölkerung gibt es in der Wissenschaft generell einen Meinungsstreit: Die bisher vorherrschende Invasionstheorie stützt sich auf Ergebnisse der Sprachenforschung. Aus den Weiten von osteuropäischen Steppengebieten oder aus Transkaukasien sollen Eroberer westwärts gezogen sein, um die europäische Urbevölkerung auf eine höhere Kulturstufe zu heben. Die an Beachtung gewinnende Kontinuitätstheorie bewertet archäologische Funde und geht davon aus, dass die Vorläufer der heutigen Volksgruppen sich - wie in den meisten anderen Gebieten der Erde - vor Ort bei regem kulturellen Austausch mit ihren Nachbarn entwickelt hätten. Nach der Invasionstheorie siedelten die Balten ursprünglich in der Region des Dnjepr-Deltas und sind seit etwa 2500 vor Christus im Baltikum sesshaft.
Die Prußen (auch Pruzzen oder Altpreußen genannt) waren schlank und hoch gewachsen, blauäugig und langhaarig. In späteren Zeiten wurde das Haar zu einer Bubikopffrisur gestaltet. Die Männer ließen sich lange Bärte stehen. Sie trugen Kleidung aus weißer Leinwand, die Vornehmen aus weißem Tuch. Die weiten Hosen reichten bis an die Fußknöchel und ihre Füße steckten in einfachem Lederwerk. Im Winter schützten Tierfelle gegen die Kälte. Die Frauen trugen lange bleigraue Leinengewänder oder solche aus eingetauschten feineren Stoffen. Die obere Brust und die Arme blieben im Sommer unbedeckt. Im Winter schützte ein weites Tuch gegen Kälte und Regen. Eine gebogene Haarnadel hielt das Haupthaar der Frauen. Eine Schnalle oder Spange formte das Kleid gefälliger. Vor allem die Frauen trugen feingearbeiteten Schmuck (Ringe, Ketten und Spangen aus Messing und Silber). Fleiß und Geschicklichkeit waren die Quelle für einen bescheidenen Wohlstand. Neben dem Ackerbau (so auch Flachsanbau) wurde Viehzucht (so auch Schafe und Rinder sowie besonders Pferde) betrieben. Dazu kamen die Jagd (wegen der Felle auch auf Bären, Wölfe, Luchse, Marder und Iltisse) sowie die Bienenzucht. Der ostpreußische Honiglikör "Bärenfang" hat seinen Ursprung bei den Prußen. Es wurde 2 - 3 Mal pro Woche gebadet. Die Prußen waren sehr menschenfreundlich zu Not Leidenden.
Einem Mann war es gestattet, bis zu 3 Frauen zu nehmen, von denen eine das Sagen hatte. Die Braut wurde gekauft. Eheliche Treue war besonders wichtig. Ehebrecher wurden verbrannt und ihre Asche verstreut.
Diebe wurden ausgepeitscht und im Wiederholungsfall von Hunden zerrissen.
Nach vergeblicher 2-monatiger Pflege eines Kranken hielten seine Kinder und Freunde Rat, ob eine Heilung möglich sei. Danach wurde gegebenenfalls Sterbehilfe beschlossen, die ein Priester ausführte.
Tote wurden eingeäschert und in Urnen beigesetzt.
Prußisch war eine westbaltische Sprache, entfernt verwandt den ostbaltischen Sprachen Litauisch und Lettisch und wies wie das Litauische eine enge Verbindung zum Sanskrit auf. Zur Zeit der Reformation war die Sprache bereits vom Verfall bedroht, weil sich im täglichen Leben mehr und mehr das Deutsche und das Masurische in der Verständigung untereinander durchsetzte. 1625 sprachen nur noch wenige Leute prußisch. Unzählige Personen- und Ortsnamen gehen jedoch auf prußischen Ursprung zurück.
Zuerst hatten die Prußen wahrscheinlich einen reinen Naturdienstglauben mit Anbetung von Sonne, Mond und Sternen, aber auch von Donner und einigen Tieren. Später bildete sich eine personifizierte Götterwelt heraus. Oberste Götter waren der Donnergott Perkunos, der Verursacher aller Naturerscheinungen und damit Fruchtbringer, der Erdgott Potrimpos und der Totengott Pikollos oder Potollos, der zu Reichtum verhalf.
Die Prußen bevorzugten die Siedlung in Streudörfern und Einzelgehöften. Es gab keine Städte, nur Handelsplätze.
Die Siedlungen der Prußen lagen im Wald und waren mit Palisadenzäunen gesichert. In der Mitte ihrer Häuser diente ein großer ausgehöhlter Stein als Feuerstelle. Die Räume waren reichlich 2 m hoch.
Die Burgen ihrer Häuptlinge waren auf Hügeln mit steil abfallenden Hängen oder in Flussschlingen angelegt worden und mit Wällen und Gräben versehen. Die bekannteste war die Skomand-Burg am Südrand des Skomant-Sees.
Bei den Prußen gab es nur 2 Jahreszeiten (Sommer und Winter), aber auch 12 Monate mit Namen wie Winter-, Saat-, Linden-, Ernte-, Brunft-, Blätterfall-, Erdfrost- und Dürremonat.
Die Bewohner der Landschaft Masuren wurden vereinzelt bereits im 18. Jahrhundert, durchgängig im Verlauf des 19. Jahrhunderts als Masuren bezeichnet.
Das in Masuren gesprochene Deutsch war das Ostpreußische, ein Ost-Niederdeutsch mit starken mitteldeutschen Einflüssen.
Bis zum Ende des 2. Weltkrieges sprach die Landbevölkerung zum Teil noch masurisch, obwohl sie sich zum Leben in einem deutschen Staatswesen bekannt hatte. Am 11. 7. 1920 wurde in Masuren die im Versailler Vertrag vorgesehene Volksabstimmung über den Verbleib bei Ostpreußen oder den Anschluss an das neu erstandene Polen abgehalten. Die Abstimmung fand unter internationaler Kontrolle statt: die Reichswehr verließ Masuren und englische und italienische Truppen besetzten es vom 14. 2. - 16. 8. 1920. 99,3 % der Bevölkerung votierten für den Verbleib bei Ostpreußen. Zum Votum der Masuren für Ostpreußen trug ihr evangelisches Glaubensbekenntnis bei, denn in Polen herrscht bekanntlich das Bekenntnis zum katholischen Glauben vor. Als im Jahre 1525 der Ordensstaat aufgelöst wurde und das Herzogtum Preußen entstand, das sich als erster Flächenstaat der Reformation anschloss, hatten auch die Masuren den protestantischen Glauben angenommen. Zudem führte Polen einen Krieg gegen Sowjetrussland. Zwei Jahre nach Beendigung des 1. Weltkrieges bestand keine Bereitschaft, in einen kriegführenden Staat integriert zu werden, der noch dazu in einer ungünstigen wirtschaftlichen Lage war. Zum Zeitpunkt der Volksabstimmung musste sich die polnische Armee zurückziehen und eine sowjetische Offensive wurde bis an die Grenze zu Ostpreußen vorgetragen. Es entstand der Eindruck, dass die Tage eines unabhängigen Polens schon wieder gezählt seien und die Errichtung eines bolschewistischen Regimes bevorstehe. Abschreckend wirkten zudem die Verhältnisse im Gebiet Soldau, dem Teil Masurens, der ohne Abstimmung bereits am 10. 1. 1920 an Polen angeschlossen worden war: eine zunehmend schlechtere Versorgungslage, die zu einem Landarbeiterstreik führte, und die Einführung der polnischen Wehrpflicht. Die Masuren erwarteten als deutsche Staatsbürger bessere Entwicklungschancen hinsichtlich Ausbildung, Karriere und Kultur.
Das Masurische ist eine westslawische Mundart, die prußische Wörter enthält und vom Deutschen stark beeinflusst wurde, dem Altmasowischen verwandt, die um 1900 von über 130.000 Menschen und um 1940 noch von rund 40.000 Menschen gesprochen wurde, neben etwa 20.000 Menschen, die sowohl masurisch als auch deutsch sprachen. Das Masurische machte die Veränderungen des Polnischen in der Neuzeit nicht mit: es vermeidet die Häufung von Zischlauten und besitzt keine Nasallaute. Masurisch gilt den Polen als ein eigenartiger, zum Lächeln reizender Dialekt.
Die Landbevölkerung ersetzte das Masurische nicht durch das Hochdeutsche, sondern durch Plattdeutsch.
Die Masuren besaßen einen großen Schatz an Volksliedern und konnten sich für Musik begeistern. Altes Brauchtum hatte sich noch viel erhalten, Trachten waren jedoch verschwunden. Die weißen Nächte des Nordens kulminierten in der Johannisnacht. Man ließ gerne brennende Teertonnen auf den See hinausschwimmen. Die Türen wurden mit Brennnesseln versehen, damit sich die Geister die Hände verbrennen. Auf die Türschwellen legte man geschärfte Sensen. Es gab Sagen über den Wassermann, der im Moor und in den Tiefen der Seen hauste und Dobnick oder Topich hieß. Er wurde als ein Wesen beschrieben, das einen stark behaarten menschenähnlichen Oberkörper besaß mit einem roten Käppchen über dem Ohr und flossenartigen Händen. Sein Unterkörper sollte ein dunkelgrüner Fischleib mit langer Schwanzflosse sein. Er sei nicht größer als ein 5-jähriger Junge. Sobald ein Mensch das Käppchen berührt, das der Dobnick über ein Ufergebüsch gehangen hat, verliert er seine Widerstandskraft und wird vom Dobnick in die Tiefe gezogen. Der Dobnick muss Blut junger Menschen trinken, um sein Leben zu verlängern. Alte verschmäht er.
Die Masuren waren flexibel und Neuem gegenüber aufgeschlossen. Sie zeichneten sich durch Freundlichkeit und Höflichkeit auch untereinander aus. Sie verfügten über eine unversiegbare Redseligkeit: Ein Masure redete an einem Tag mehr als andere Ostpreußen das ganze Leben lang. Sie hatten ein heiteres Gemüt und besaßen einen trefflichen Humor. Der exzessive Genuss von Branntwein ließ ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nach.

Haus in Sgonn
Charakteristisch waren Straßendörfer mit Blockhäusern; die Häuser wiesen oft säulengestützte Giebelvorbauten (Vorlauben) auf. Um den Hofraum herum waren die Wohn- und Stallgebäude in einem Viereck angeordnet. Auf dem Gebiet der heutigen Gemeinde Jedwabno (mit Neuhof und Burdungen) haben sich 70 historische Masurenhäuser erhalten.
Nach dem 2. Weltkrieg gibt es diese offizielle polnische Lesart: Die Masuren sind eigentlich Polen, die erfolgreich den preußischen Germanisierungsbestrebungen widerstanden hätten. Man bezeichnet sie als Autochthone. Um von der Aussiedlung gemäß dem Potsdamer Abkommen verschont zu werden, mussten die nicht geflüchteten Masuren sich einem Verifizierungsverfahren unterziehen, an dessen Ende dem Antragsteller bescheinigt werden konnte, dass er Pole sei. Voraussetzung war das Beherrschen des Masurischen. Anfangs durfte kein Antragsteller eine Nähe zum Nationalsozialismus gehabt haben, später reichte es aus, sich nicht sehr aktiv für diese Ideologie engagiert zu haben.